Über 9/11, starke Regime und wo wir in 25 Jahren stehen

Thematisieren wir ein paar Momente lang die Vollüberwachung der Technik und letztlich ganzer Gesellschaften bis runter auf das Individuum. Treten wir also einen Schritt zurück und betrachten die Szenerie.

Am Freitag jährte sich zum achten Mal der traurige Massenmord mithilfe von vier entführten Flugzeugen. Zumindest beim angenommenen Primärziel Word Trade Center ist man reich an den dokumentierten Gräueln, wie sie sich nach den Flügen in die Türme ereigneten. Doch lassen mir nicht nur die einstürzenden Hochhäuser im September 2001 stets wieder die Tränen kommen, auch die nachfolgenden Jahre sind nicht besser geworden.

Eine große, alles in allem zurecht stolze Nation befand sich in einer schwierigen Lage. Sofort musste man etwas unternehmen gegen Osama Bin Laden und al-Qaida. Einen Saudi, den die USA aufgebaut haben und dessen Geschicke sie finanziell, personell und materiell unterstützten. Den sie in Afghanistan zu Zeiten der Sowjetinvasion Mudschadhedin (Widerstandskämpfer) haben anwerben lassen, um in diesem letzten großen Scharmützel des kalten Kriegs gegen die Sowjets zu bestehen. Das besagte Rekrutierungsbüro bekam irgendwann die Bezeichnung al-Qaida.

Das strukturelle Gebilde des Bin Laden überstand die Zeit nach dem Rückzug der Russen aus Afghanistan. Es war für Osama und seine Engsten an der Zeit, den eigentlichen Hassfeind USA anzugehen. Dem als Zerrbild des Unmoralischen verklärten und als ideologisch etablierten Widersacher der als einzig für wahr gehaltenen fundamentalistisch-islamischen Lebensart. Für Bin Laden und seine Gefolgsleute standen die Amerikaner zweifelsohne nur temporär als kompromissbehafteter Unterstützer im Kampf gegen einen gemeinsamen russischen Feind. Hiernach gerieten die USA erwartungsgemäß wieder zur religiös-gesellschaftlichen Projektionsfläche für alles Böse auf der Welt.

Saddam Hussein verachtete ganz offenbar die Al Quaida und wollte nichts mit ihr zu tun haben. Die Al Quaida ist erst nach seiner Regentschaft in den Irak geströmt. Dort hat Bin Ladens Franchiseunternehmen den Umstand zu nutzen gewusst, das allgemeine Chaos für die eigenen Zwecke zu nutzen. Das Aufbegehren der Widerstandsbereiten war ein idealer Nährboden für Rekrutierungen und die Ausbildung unter Gefechtsbedingungen. So in Erscheinung tretend fiel es einem Präsidenten Bush noch leichter zu intonieren: ’sehet, es war richtig, in den Irak zu gehen, auch dort den Kampf gegen Al Quaida zu führen’.

Nicht nur in dieser ungeschickt rhetorischen Verkehrung von Ursache und Wirkung war dieser Ex-Präsident der denkbar falscheste Manager zur Bewältigung einer derart beispiellosen Krise. Umgeben von sogenannten Neocons, Profiteuren, Teilhabern und Mietmäulern der Öl- und Rüstungsindustrie war der nicht für seine Intellektualität bekannte Sohn des Ex-Präsidenten schlicht die Idealbesetzung, wenn es tatsächlich gelten sollte, nach der unheilvollen Denke eines Zbigniew Brzeziński und anderer Kaltblüter in der Krise die Gelegenheit zur Festigung der eigenen global-unipolaren Machtansprüche zu nutzen und gleichzeitig den Einfluss auf die größten Erdölfelder im zuvor unerwarteten Maße zu stärken. Hier bin ich recht sicher, dass die Verbringung großer Truppenkontigente mit der dazugehörigen Versorungskette in Näherung an die iranische Grenzlinie von vornherein gesehen wurde.

Es kam zu zwei Angriffskriegen. Die Opfer, es sind vor allem unschuldige Zivilisten, werden auf bis zu zwei Millionen Menschen geschätzt. Ich gebe zu, dass es sich hierbei um die obere Grenze der Schätzungen handelt, aber gleichwohl wird es genaue Zahlen nie geben. Fortgesetzt machen Regierungs- und Privatarmeen das tägliche Leben für Menschen beider angegriffenen Länder zum täglichen Spießrutenlauf.

Nicht kriegsorienterte, denkbegabte US-Amerikaner mussten mitansehen, wie das Ansehen der USA im Rest der Welt nachhaltig beschädigt wurde und wird. Beschädigt durch die Angriffe und die Besatzung zweier Länder, die an sich nichts mit 9/11 zu tun hatten.

Gewinner dieser nach dem Initialen unverkennbar geförderten globalen Misere, zum Nachteil für die würdevolle und friedliche Co-Existenz aller Menschen, sind nicht allein der militärisch-industrielle Komplex und diejenigen Politstrategen, welche da letztlich durch forcierte Sicherheitspolitik lästige Widrigkeiten in ihrem Idealbild politischen Agierens durch verschleierte Entdemokratisierung geradezu dramatisch beschleunigt angehen, sondern Gewnner sind auch die Kreuzzügler in der islamischen Welt. Es sind etwa die Hardliner der Moslembruderschaft, die Terrorheinis von Al Qaida, aber auch die kämpfenden Flügel der Hamas und andere Gruppierungen anderswo. Sie alle profitieren von der falschen Reaktion der USA nach 9/11 im unglaublichen Maße. Unglücklicherweise sichert es deren Fortbestand und beschert ihnen einen verhängnisvollen Zulauf. In deren Mühlen verfangen sich zumeist diejenigen, die dann doppelt bestraft sein dürften. Sie sind neben Ihrer Täterschaft auch Opfer einer Weltpolitik der starken Industriemächte mit der grundlegenden Kausalität der nutzzentrierten Außenpolitik. Tatsächlich sind die starken Wirtschaftsmächte als Armutsursache Nummer 1 in den sogenannten Drittweltstaaten zu betrachten.

So wird aus Armut und Unbildung der Nährboden für den Nachwuchs der allein an Hass und Eskalation orientierten Terrororganisationen. In diesen Momenten wissen auch manche Diktatoren um die Gunst der Stunde und befördern sich klugerweise vom Bittsteller zum Koalitionspartner im ‘Journey against Terrorism’ .

Neben dem Schrecken von 9/11 denke ich eben auch an Dinge wie einen Vergeltungskrieg. An den Beginn der Totalüberwachung von uns Bügern, einer Renaissance des Kriegerischen, an die Definition von Rechtlosen, welche entführt, auf andere Kontinente verschleppt, gefoltert werden und häufig genug von der Bildfläche verschwinden. Ich denke dann daran, wie die Augen mancher Moslems beim Thema USA zu leuchten beginnen, so dass der Hass bildhaft erfasst werden kann und wie diese Schlaumeier jäh verstummen, wenn mein jeweiliges Gegenüber von meinem überzeugten, ja radikalen Atheismus erfährt und dass ich, trotz allem, allergrößte Sympathie für die USA empfinde. Die USA stehen eben für mehr als nur eine desaströs verkorkste Machtpolitik, Renditions, CIA-Geheimgefängnisse, Gefahrenstufen einer Homeland Security und Blackwater.

Hier lobe ich mir den Umstand, dass es noch das Internet gibt und noch kann ich so von vielen amerikanischen Netzbekanntschaften erfahren, wie sehr diese sich für die Politik ihres Landes teils schämen. Auch vermag ich zu sehen, dass gerade in den USA die Bürger eine unvergleichlich selbtsbewusste Position gegenüber Ihrer Washingtoner Regierung haben. Wir stummen deutschen Fischchen, die uns einen Krieg als Brunnenbohren verkaufen lassen, könnten uns von diesem Bürgerverständnis mehr als nur ein Scheibchen abschneiden.

So wie der Text für ‘nen Blogeintrag zu lang gerät, sage ich hier klar, dass die Täterbekämpfung nach dem Terror vom 09. September 2001 nicht richtig angegangen wurde. Man hätte vernünftige politische Bündnisse schließen können, man hätte den Fall Bin Laden und Al Qaida kriminalistisch bewältigen müssen. Meine Güte, solche Leute vom Schlage eines Osama können auch mal im Sandsturm verloren gehen. Doch, wie wir wissen, wurde die Welt um eine Achse des Bösen und eine Koaltion der Willigen bereichert. Wir erleben nunmehr einen Weltkrieg, der als solcher nicht wahrnehmbar und am ehesten mit einem versteckten Schwelbrand vergleichbar ist.

Traurig bin ich darüber, dass die Religion weltweit wieder Grundlage politischen Tuns wird. Der Islam kennt seine Hardliner, Hassprediger und Berufenen, und auch in der Christenwelt betete ein President Bush mit seinem Stab vor jeder Sitzung mit Handreichung und gesenktem Haupt. Übrigens war ursprünglich angedacht, in der Entwicklung des politischen Gebildes Europäische Union eine christliche Präambel in die so genannte ‘Verfassung’ aufzunehmen (mich hat man nicht abstimmen lassen).

Dann die Wirtschaftskrise. Kein Mensch redet darüber oder denkt laut, dass die Kriegstreiber weltweit Billionen verfeuern und die Folgen der Zerstörung mehr Schulden erzeugen, als Gewinne durch Nutznießerschaft zu generieren imstande sind. Hier eine der Ursachen der Finanzkrise zu sehen, gerät zum Privileg der Spinnerten.

Der zweite Teil der Überschrift dieses Schriebs soll auf meine Verdrossenheit darüber zeigen, in welchem Tempo die Beschneidung der Bürgerrechte vorangetrieben wird. Da erwächst eine echte Totalüberwachung von uns Bürgern, flankiert von einer totalen Erfassung unseres sozialen Lebens und sogar unserer Gesinnung. Es sind Zeiten, in denen im Halbjahrestakt vom Einsatz der Bundeswehr im Innern debattiert werden darf. Die Ausweispflicht wird zukünftig zu einer erkennungsdienstlichen Erfassung aller Bürger führen. Überall werden die Datenbestände miteinander verknüpft und die so wichtigen, der Schuld dieses Landes am Zweiten Weltkrieg entsprungenen, Trennlinien zwischen Polizei und Geheimdiensten schwinden dahin.

Die Mehrheit der Menschen in meinem täglichen Leben ist nicht interessiert an alledem. Die Leute wissen genau um den Champions League Spielplan und warum sie die CDU oder die SPD wählen, aber alles andere ist diffus, übertrieben und so durchtrieben wie von mir behauptet sicher nicht.

Diese Poltikverdrossenheit ist Deutschland zu Eigen, aber auch Kind von bescheuerten Medienformaten, welche Opferzahlen jüngster Selbstmordattentate in Laufschriften am Bildrand einblenden und noch nicht einmal den Ortsnamen nennen. Irgendwo im Irak. Alles Al Quaida. Uns soviel politische Bildung angedeihen zu lassen, dass vielleicht tausend Al Quaida Schwachmaten mehreren hunderttausend Freizeit-Widerständlern gegenüberstehen, die oft nach Feierabend losballern, ja das wäre ein Zuviel an Information. Abgesehen mal von der wenig statthaften Terminologie rund um den Widerstandskämpfer passt der Kram nicht ins Sendeformat, ist nicht opportun und interessiert den Leser eines bestimmten deutschen Billig-Massenblattes nicht die Bohne.

Aufgabe der Medien hingegen wäre es, uns die Augen zu öffnen. Uns die Kriegstreiberei, das rücksichtslose Geschacher um die Rohstoffverteilung der näheren Zukunft sehen zu lassen, aber eben auch den religiösen Wahn. Uns die Augen dafür zu öffnen, dass wir nicht als kleine Steuerkriecher im Schatten eines allmächtigen, allwissenden Staates stehen sollten. Vielmehr hat der Staat schlichtweg eine gemeinschaftliche Institution mit wahren Volks- und nicht Industrievertretern zu sein.

Um es nun kurz zu machen: So schlimm und verdammenswert wie 9/11 an sich, sind auch all die angerissenen Folgeereignisse und die Trittbrettfahrerei unserer mutmaßlichen ‘Sicherheitspolitiker’ und deren Politfreunden anderer Ministerien.

Zum Glück muss ich mir hierzulande keine Sorgen machen, Opfer eines Selbstmordattentats zu werden und das ist auch sehr gut so. Aber Freiheit und Privatheit werden restlos zersetzt. Wie ich schon oft geschrieben habe, sind wir die letzte Generation, die das wahrzunehmen imstande ist. Für unsere nachfolgenden Generationen wird das alles tradierte Normalität sein.

Was bei dem Marschtempo in 25 Jahren sein wird, wie das Verhältnis zwischen Bürgern und Staat sich entwickelt haben dürfte, das bereitet mir Sorge.

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